„Wir wollten einfach endlich die Wahrheit wissen“ - Interview mit Irina Scherbakowa
Hier finden Sie die ausführliche Version des Interviews, das DZOK-Praktikantin Katharina Eisenbarth im März 2026 mit Irina Scherbakowa, Friedensnobelpreisträgerin und Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial geführt hat. Die gekürzte Version wurde in den DZOK-Mitteilungen Nr. 84 abgedruckt.
Sie haben in der Sowjetunion bereits Ende der 1970er Jahre Interviews mit ehemaligen Gulag-Häftlingen geführt, obwohl zu dieser Zeit noch staatlich verordnetes Schweigen über das sowjetische Lagersystem herrschte. Was hat Sie dazu bewegt?
Ich habe angefangen, Menschen zu befragen, weil ich die Geschichten von Zeitzeug*innen selbst hören wollte. Ich habe alles Mögliche gelesen, was im Untergrund, im Samisdat kursiert ist. Ich hatte sehr viele Fragen und wollte den Schicksalen nachgehen. Zu der Zeit habe ich hauptsächlich als Übersetzerin deutscher Literatur gearbeitet und ich habe Einiges aus dem Buch „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander ins Russische übersetzt. Ich fand, das ist eine sehr gute Methode, mit den Frauen zu sprechen. Dann hat sich das erweitert auf die Männer, aber hauptsächlich waren meine Zeitzeug*innen die Frauen, weil sie in der Mehrzahl unter den Überlebenden waren und weil ich einige von ihnen kannte.
Wie haben Sie dann die Zeit der Perestroika erlebt, als die Aufarbeitung des staatlichen Terrors auch in der Öffentlichkeit stattfinden konnte?
Rückblickend scheint das schnell, aber in Wirklichkeit war es ein langsamer Prozess. Nach und nach, praktisch mit jedem Monat, wurden die Forderungen nach Glasnost, nach der Offenheit, lauter. Es war noch ein ständiger Kampf gegen die Zensur. Was wurde erlaubt? Was wurde doch nicht erlaubt?
Noch im Herbst 1988, war es schwer vorstellbar, dass „Archipel Gulag“, das bekannteste Werk über den Gulag und wahrscheinlich die gefährlichste Lektüre in den Augen der sowjetischen Staatssicherheit, je veröffentlicht wird. Anfang 1989 hat eine Zeitschrift angefangen, dieses Werk nach und nach zu veröffentlichen. Das waren sehr bewegende Zeiten. Memorial ist als Bewegung entstanden und hat sich Anfang 1989 als unionsweite Gesellschaft gegründet.
Wie sah die frühe Arbeit von Memorial aus?
Die Gruppe bestand aus ganz unterschiedlichen Menschen. Einige von ihnen waren aus dem Dissidentenmilieu, aber es waren auch junge Menschen, die selbst keine Erfahrung mit den Repressionen hatten. Durch den Geist dieser Zeit beeindruckt haben sie angefangen, Unterschriften für ein Denkmal zu sammeln. Daher stammt der Name „Memorial“ (übersetzt: Mahnmal, Gedenkstätte). Das hat man ihnen untersagt, die Miliz hat die Arbeit behindert. Die Aktivist*innen standen an großen Plätzen oder vor Metro-Eingängen, fragten, ob die Menschen ein Denkmal wollen für die Opfer des politischen Terrors. Sehr viele sagten zu und unterschrieben den Aufruf. Das war ein Zeichen dafür, dass die Menschen immer weniger Angst hatten.
Memorial entwickelte sich zu einer Bewegung, die viel breiter war und sich überhaupt für die Aufarbeitung der Vergangenheit einsetzte. Wir wollten einfach endlich die Wahrheit wissen. Also, wie viele Opfer es gab, was in den geheimen Archiven zu finden ist. Öffnet die Archive, sagt uns die Wahrheit! Wo liegen die Toten? Das war ein Kampf um menschliche Schicksale.
Schnell hatten wir über 80 Organisationen an verschiedenen Orten der Sowjetunion, nicht nur in Russland natürlich, weil diese staatlichen Repressionen überall stattgefunden hatten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde Memorial international, weil Organisationen in den jetzt unabhängigen Staaten entstanden sind, zum Beispiel in der Ukraine oder in Belarus. Das war der Beginn.
Wie hat sich die Arbeit von Memorial in den 1990ern entwickelt?
Die Hauptidee war die Aufarbeitung der politischen Repressionen: das Sammeln von Archiven, von Biografien, Listen mit den Opfernamen. Wir starteten Initiativen für Denkmäler, vor allem an den Massenerschließungsorten, und klärten über die Verbrechen auf mit Ausstellungen, Seminaren und Publikationen. Von Anfang an befasste sich Memorial aber auch mit aktuellen Menschenrechtsverletzungen. Auf massive Weise begannen diese mit dem ersten Tschetschenienkrieg 1994.
Wie ist es gelungen, die Arbeit von Memorial in Russland fortzuführen, obwohl der Staat immer mehr Einschränkungen vornahm?
In den 1990er Jahren war das hauptsächliche Problem, dass der Staat kein Geld zur Verfügung stellen wollte. Es gab keine Zensur und es gab natürlich auch Menschen, die unsere Arbeit unterstützt haben, auch in den Regionen, trotz Schwierigkeiten. Vieles war von den regionalen Mächten abhängig. Unter Putin gab es eine Wende zum Nationalpatriotismus mit einer Verbesserung des Vergangenheitsbildes. Der Druck begann schon sehr früh, das betraf nicht nur Memorial und die historische Arbeit, sondern überhaupt unabhängige Vereinigungen. Aber es war ein hybrider Prozess.
Nach der Annexion der Krim 2014 kam eine Wende. Die Politik uns gegenüber wurde deutlich repressiver. 2016 wurde Memorial International zum „ausländischen Agenten“ erklärt. Dem zugrunde liegt ein Gummigesetz, das 2012 kreiert und gegen Organisationen gerichtet war, die sich politisch betätigen und zum Teil ihre Gelder aus ausländischen Quellen beziehen. Damals begann der wirkliche Druck und die Schwierigkeiten. Bis zur sogenannten Liquidierung von Memorial am Vorabend des Krieges gegen die Ukraine im Dezember 2021 und als letzte Instanz Ende Februar 2022. Das war der letzte Schlag.
Und seitdem kann Memorial seine Arbeit in Russland nicht mehr fortsetzen?
Es sind nach wie vor einige Strukturen und Menschen aus unserem Netzwerk in Russland tätig, und sie sind wirklich in großer Gefahr. Kürzlich ist Alexej Mosin, eines der ältesten Memorialmitglieder aus Jekaterinburg, zu 9 Tagen Haft verurteilt worden, nur weil er zum Gedenken an den vor 10 Jahren ermordeten Regimekritiker Boris Nemzow Blumen niederlegte.
Was passiert mit dem Archiv und den Dokumenten, die Memorial gesammelt hat?
Wir sind enteignet worden, unsere Archivräume und unser Haus sind beschlagnahmt worden von den Behörden, völlig gesetzeswidrig. Die Archive sind verteilt, an verschiedenen Orten. Ein sehr großer Teil von diesen Archiven ist zum Glück gescannt und digitalisiert. Wir hoffen, dass wir nach und nach den Zugang zu diesen Dokumenten eröffnen können. Teilweise ist das schon geschehen.
Wie nutzt Putin Geschichte als Waffe im Krieg gegen die Ukraine?
Das hat schon in der frühen putinischen Zeit begonnen mit der ideologischen Konstruktion und diesem Mythos der „Russischen Welt“, die „wiederhergestellt“ werden solle. Aber diese Welt gab es nie. Das sind imaginäre Vorstellungen.
Hauptherzstück von diesem Mythos ist der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“, dem Zweiten Weltkrieg. Es werden keine Zweifel zugelassen und alle Denkmäler, also der 60er und 70er Jahren zu Ehren von Helden des „Großen Vaterländischen Krieges“, werden fast als heilig, zu Ikonen erklärt. Dieser Krieg wird missbraucht für die Rechtfertigung des gegenwärtigen aggressiven Kriegs gegen die Ukraine. Es heißt, die Herstellung der „russischen Welt“ bedeutet, dass die Ukraine kein Recht habe und nie das Recht haben solle, als ein eigenständiger, nationaler Staat zu existieren, dass dort Faschisten und Nazisten sitzen würden, die man bekämpfen muss. Kein anderer Krieg in der russischen Geschichte wurde so von historischer Mythologie untermauert.
Sie mussten Russland verlassen und leben jetzt in Berlin. Welchen Bezug haben Sie zu Deutschland? Wie würden Sie die Geschichtsaufarbeitung in Russland mit der deutschen Aufarbeitung vergleichen?
Über meine Arbeit als Übersetzerin stand ich in engem Kontakt mit vielen deutschen Autor*innen, seit der Perestroikazeit auch immer mehr mit Historiker*innen, die in der ehemaligen DDR Gedenkstätten in einer neuen Sicht transformierten, zum Beispiel Buchenwald. Buchenwald ist auch aus russischer Perspektive ein sehr wichtiger Erinnerungsort. Dort waren Tausende Russen gefangen. Nach 1945 existierte dort ein NKWD-Sonderlager, wo viele Menschen an Hunger gestorben sind. Das ist leider eine typische Mischung aus dem 20 Jahrhundert. Seit mehreren Jahren gehöre ich dort zum Kuratorium, wahrscheinlich bin ich das älteste Mitglied.
Memorial hat viel mit deutschen politischen Stiftungen, Historiker*innen, Gedenkstätten und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammengearbeitet, beispielsweise zu den Zwangsarbeiter*innen, den sogenannten „Ostarbeitern“, die aus den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion ins Deutsche Reich geholt wurden und dort Sklavenarbeit leisten mussten. Nach ihrer Rückkehr in die stalinistische Sowjetunion wurden sie verfolgt und verdächtigt, mit dem Feind kollaboriert zu haben. Dieses Schicksal als Opfer von zwei Diktaturen traf auch viele Kriegsgefangene. Ihre Geschichten aufzuarbeiten und Zeugnisse zu sammeln, wurde zu einem unserer großen Projekte.
Wichtig waren für uns natürlich auch die Formen der Aufarbeitung. Es war sehr lehrreich, weil man uns in Deutschland und vor allem in Westdeutschland einige Jahre oder manchmal Jahrzehnte voraus war. Es war für uns sehr wichtig, zu sehen, dass man aus der negativen Vergangenheit lernen kann und dass diese zur Grundlage demokratischer Entwicklung werden kann. Das war das, was uns dann als Vorbild und als Grundlage für die gemeinsame Arbeit diente.
Heute versuchen Sie mit „Zukunft Memorial“, die Arbeit von Memorial aus dem Exil fortzusetzen.
Viele Menschen von Memorial haben Russland verlassen und nach der Emigration Initiativen in ganz Europa entwickelt. In Berlin haben wir den Verein „Zukunft Memorial“ gegründet. Es war für uns klar, dass die historische Aufarbeitung hauptsächlich in Deutschland passieren kann, also schon wegen der Unterstützung von verschiedenen Menschen und den engen Beziehungen mit der Körber Stiftung zum Beispiel. Wir versuchen, unsere Arbeit hier fortzusetzen.
Dafür sammeln wir wieder Dokumente und sehen uns als eine Art Filiale der Moskauer Archive. Wir unterstützen die Digitalisierung von unseren verbliebenen Archiven, machen Ausstellungen und veröffentlichen Bücher. Der Schülerwettbewerb findet weiterhin statt, natürlich ist das unter den anderen Bedingungen viel schwieriger. Unsere Teilnehmer kamen im vorigen Jahr aus 18 Ländern. Sie arbeiteten die Schicksale von ihren emigrierten Eltern auf.
Memorial International hat sich nicht umsonst so genannt. Das waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die haben keine Grenzen. Es ist ein massiver Missbrauch und eine Fälschung der Geschichte, die Putin betreibt, und wir sehen es als unsere Aufgabe, die Organisation zu bleiben, die für diese Aufarbeitung und für historische Wahrheit steht. Uns hat natürlich geholfen, dass Memorial 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Das war ein Beweis dafür, dass man es von uns erwartet, dass wir unsere Arbeit fortsetzen.
Warum ist es Ihrer Einschätzung nach nicht gelungen, Russland nachhaltig zu demokratisieren?
Dafür gibt es natürlich sehr viele Gründe. Menschen schreiben Bücher darüber und führen lange Diskussionen. Um die Frage grob zu beantworten: Es war es die Unreife der russischen Gesellschaft, die entstehenden demokratischen Institutionen wie Wahlen waren für viele Menschen unglaubwürdig. Vor allem glaubte man nicht, dass man selbst etwas bewirken könnte.
Für die Schwäche der Institutionen spielten die Figuren an der Macht eine große Rolle. Und dass Jelzins Wahl Putin betraf, war in meinen Augen die schlimmstmögliche Wahl. Mit dieser Figur wandte sich Russland sehr schnell von demokratischen Werten ab.
Haben Sie Hoffnung, dass Sie jemals wieder nach Russland zurückkehren können?
Hoffnung hat der Mensch immer, solange er am Leben ist. Es ist natürlich keine schöne Vorstellung, dass man sein eigenes Land nicht sieht. Aber wenn man realistisch bleibt, kann nur ein Wunder das andere bewirken. Solange Putin lebt und an der Macht bleibt, werde ich nach Russland nicht zurückkehren. Ich habe nicht das Gefühl, dass es schnell passiert, dass er die Macht verliert oder dass irgendetwas mit ihm geschieht.
